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Widmung

Dem, was andere schon sagten, kann ich nichts Neues hinzufügen; zudem bin ich kein begabter Poet. Ich gebe nicht vor, anderen von Nutzen zu sein: Um meinen eigenen Geist zu üben, habe ich dieses Werk verfaßt.

Ahimsayama

Durchleuchtung

Der alte Zen-Meister Yokoe lag im Sterben. Sein ältester Schüler Naohiro hielt in seinen letzten Stunden Wache an seinem Lager.
„Verehrter“, begann Naohiro, als Meister Yokoe noch einmal die Augen aufschlug, „da du ja bald in das Nirvana eingehen wirst, liegt mir noch eine Frage auf dem Herzen!“

„Frage ruhig, mein Sohn, ich werde meine Faust nicht geschlossen halten!“

„All die vielen Jahre bei dir habe ich mich mit dem Koan „MU“ herumplagen müssen. Aber weder mir, noch einem der vielen anderen Mönche im Kloster, hast du je die Bestätigung gegeben, dass wir das Koan gelöst hätten. Könntest du mich nicht jetzt aufklären, damit ich ohne dich nicht dumm sterbe?“

„Um ehrlich zu sein, Naohiro“, antwortete Meister Yokoe mit schwacher Stimme, „ich habe das Koan „MU“ selber nie verstanden! Da aber auch ich großes Mitleid mit den Wesen habe, spielte ich anfangs mit dem Gedanken, jedem und jeder Antwort auf „MU“ die Bestätigung zu geben. Doch dann dachte ich mir, dass sei vielleicht nicht gut, da es bei einigen Mönchen zu stolzen Gefühlen führen könnte. Und zur Gier nach weiteren Koans. Mir schien es besser, jedem und allen Antworten die Bestätigung zu verweigern.
Einmal war das aufrichtiger, weil ich das Koan selber nicht verstand, aber viel wichtiger war es mir, dass so niemand hochmütig werden könnte, sondern eher bescheiden und demütig blieb. Außerdem hoffte ich, dass euer Interesse irgendwann an diesem Koan erlahmen würde.

Und ihr euch dann dem Mark des Zen zuwendet!"

Und so geschah es von Stund an.



Nehmen wir also an, daß der geplagte Schüler endlich Satori erlebt hat. Das Koan ist beantwortet. Er geht zum Meister und teilt ihm die Lösung mit. Die Lösung ist ebenso sinnlos, wie das Koan selbst. Der Meister weiß das. Er erkennt aber die Veränderung des Schülers und erklärt das Koan für gelöst. Der wahnhafte Zwang, in allem einen Sinn suchen zu müssen, ist vom Schüler abgefallen. Die Befreiung von diesem Wahn war der Zweck des Koans.

Kommentare:

Aiko hat gesagt…

Das ist sehr schön so. Genau so.

Ahimsayama hat gesagt…

Hallo Aiko,

ich robbe mich langsam ran...


GlG
Ahimsayama