Navigation

Widmung

Dem, was andere schon sagten, kann ich nichts Neues hinzufügen; zudem bin ich kein begabter Poet. Ich gebe nicht vor, anderen von Nutzen zu sein: Um meinen eigenen Geist zu üben, habe ich dieses Werk verfaßt.

Ahimsayama

A new WAR is born

Krieg

1941 pinnte ich mir Ritterkreuzträger über mein Bett. Mölders, Kretschmar und Günther Prien. »Junge, du machst die ganze Tapete kaputt.« Günther Prien, den Sieger von Scapa Flow, schnitt ich aus der »Berliner Illustrierten« aus, ganz groß mit weißem Telefon. Über eine Ecke malte ich mit Ausziehtusche einen Trauerflor. Frau Kröhl beanstandete, daß auch Mannschaften das Ritterkreuz bekämen. »Dabei hat sie Hände wie'ne Waschfrau«, sagte meine Mutter. Ich schrieb Briefe: »An einen unbekannten Soldaten.« Antwort bekam ich nie. Manfred schrieb auch an unbekannte Soldaten, der kriegte Granatsplitter geschickt und einen Beutel Buchweizen. Buchweizengrütze mit Milch. Manfred hatte von seinem Vater eine Sammlung von Gewehrkugeln geerbt: belgische, französische, polnische; aus Kupfer und aus Messing.

Im Weltkrieg hätten die Franzosen sogar Dum-Dum-Geschosse verwendet. Am Gewehr extra eine Vorrichtung zum Abbrechen der Geschoßspitze. Die zerrissen das ganze Fleisch. Faustgroße Löcher. Und das sei doch nicht der Sinn der Sache, daß man Menschen möglichst übel zurichte. Man wolle sie ja auch eigentlich gar nicht töten, sie sollten ja nur aus dem Gefecht gezogen werden. Bauchschuß, das stellte sich Manfred am schrecklichsten vor. Wenn denn so die grünen Gedärme raushängen und Erde kommt da dran: wie paniert; wie beim Baden die Büx, wenn man sich auf den Sand setzt. Wegen der Bauchschüsse dürften die Soldaten vor dem Angriff nichts essen. Sonst dringe der Speisebrei bei Verletzungen in die Bauchhöhle, Erbsensuppe oder Kartoffelsalat, und alles vereitere. Wenn er wählen könnte, würde er einen Oberschenkeldurchschuß wählen. Fleischwunde natürlich. Es gäbe ja auch Gehirnerschütterung oder Typhus, das wäre noch besser. Und bloß kein Nahkampf! Beim Angreifen würde er so tun, als ob er sich den Fuß verknackst habe. Und später, wenn alles vorbei ist, sich wieder dazustellen. Hinfallen - das könne ja mal passieren. Oder sich ergeben.
- Walter Kempowski, Tadellöser & Wolff. Ein bürgerlicher Roman. München 1971.


Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. [...] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.– Walter Kempowski, 2007



Mutter Courage und Ihre Kinder

„Ich hab ihm gesagt, dass nix wird aus Utrecht, seinem dreckigen Wirtshaus, was sollen wir dort? Du und ich, wir passen in kein Wirtshaus, was sollen wir dort? In dem Krieg ist noch allerhand für uns drin...Glaub nicht, dass ich ihm deinetwegen den Laufpaß gegeben hab. Es war der Wagen, darum. Ich trenn mich doch nicht vom Wagen, wo ich gewohnt bin... dem Koch sein Zeug nehmen wir heraus.. So, der ist draus aus unserem Geschäft, und ein andrer kommt mir nimmer rein. Jetzt machen wir beide weiter. Der Winter geht auch rum, wie alle anderen...“

„Kanonen auf die leeren Mägen / Ihr Hauptleut, das ist nicht gesund. / Doch sind sie satt, habt meinen Segen / Und führt sie in den Höllenschlund ...“

„Der Krieg, er dauert hundert Jahre/ Der g´meine Mann hat keinn Gewinn/ jedoch vielleicht geschehn noch Wunder, der Feldzug ist noch nicht zu End! Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ! Der Schnee schmilzt weg! Die Toten ruhen! / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun."

„Ich laß mir den Krieg von euch nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leute besser.“

„Man muß sich stelln mit den Leuten, eine Hand wäscht die andre, mit dem Kopf kann man nicht durch die Wand...Und sie marschiern in der Kapell im Gleichschritt...“

„Wenn man die Großkopfigen reden hört, führens die Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist. Aber wenn man genauer hinsieht, sind´s nicht so blöd, sondern führ´n die Krieg für Gewinn. Und anders würden die kleinen Leut wie ich auch nicht mitmachen.“

„Alle Tugenden sind nämlich gefährlich auf dieser Welt, die Weisheit, Kühnheit, Redlichkeit, Selbstlosigkeit, Gottesfurcht - sie zahlen sich nicht aus, nur die Schlechtigkeiten, so ist die Welt und müßt nicht so sein.“
"Mutter Courage und ihre Kinder", Berthold Brecht

Keine Kommentare: